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Ein positiver Beitrag

Unsere Familie war in den Kriegs- und Nachkriegswirren auseinander gerissen worden, so dass wir nicht wussten, wer überlebt hatte und wo die Überlebenden zu finden waren. Durch den DRK-Suchdienst hatten wir schließlich eine Verwandte und ihre Tochter in Ostdeutschland gefunden. Ehe wir uns treffen konnten, wurde die Mauer gebaut. Was blieb, waren Briefaustausch, Päckchen schicken und ein starkes, bis heute ungebrochnes Interesse an dem „anderen“ Teil Deutschlands, nicht zuletzt daran, wie unsere Verwandten dort lebten.

So empfanden auch wir Wessis den Fall der Mauer als ein Glück. Endlich konnten wir unsere Verwandten besuchen. Unsere erste Reise führte uns im März 1990 nach Magdeburg und Umgebung. Abgesehen von der Wiedersehensfreude, war es eine Zeitreise in Städte und Dörfer. Womit wir nicht gerechnet hatten, war die Erfahrung, dass die Teilung Deutschlands nicht nur zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen geführt, sondern auch zwei verschiedene deutsche Mentalitäten zur Folge hatte.

Bei unserem ersten Spaziergang durch Magdeburg mit unserer Verwandten fanden wir zu unserem Erstaunen, dass sich zahllose freie Plätze und Winkel zu Märkten entwickelt hatten. Schockiert mussten wir feststellen, dass es sich bei den Anbietern um aus Westdeutschland (auf den neuen Absatzmarkt!) „eingefallene“ Händler handelte, die in den Ostdeutschen offenbar weniger ihre deutschen Mitbürger, sondern in erster Linie begierige „Kunden“ sahen, deren Gutgläubigkeit sie skrupellos ausnutzen konnten, indem sie ihnen minderwertige Produkte zu überhöhten Preisen verkauften. Zutiefst beschämt zogen wir unsere Verwandte von den Ständen weg und warnten sie nachdrücklich, dort bloß ja nichts zu kaufen!

Für mich war dies ein prägendes Ereignis, das mich auch nach unserer Rückkehr nach Hause nicht mehr losließ. Welchen Eindruck mussten die Menschen bei der früher oder später einsetzenden Erkenntnis, wie sie über den Tisch gezogen werden sollten, von den Deutschen im anderen Teil Deutschlands bekommen? Wann würden sie feststellen, dass sie es hier mit einer Negativauslese zu tun bekommen hatten? Würden sie nicht fürderhin allen Westdeutschen mit dem ihnen bereits früher eingepflanzten Vorurteil begegnen, dass der Kapitalismus moralisch minderwertige Menschen gebiert?

Bei weiteren Besuchen lernte ich viele Menschen kennen, die bereits ihre Arbeitsstellen verloren hatten und bis auf Weiteres kaum Aussichten sahen, neue zu finden. Anderen bescherte die Wiedervereinigung die Rückgabe früheren Eigentums wie Bauernhöfe und Geschäftshäuser, mit denen sie nichts anzufangen wussten, denn Unternehmertum hatten sie nicht gelernt. Nach vielen Gesprächen mit solchen Personen und Familien beschloss ich schließlich, selbst in Ostdeutschland – teilweise zusammen mit ihnen – unternehmerisch tätig zu werden, um vielleicht einigen von diesen Menschen neue Perspektiven zu eröffnen.

Es waren harte etwas über drei Jahre, in denen ich zwischen Ost und West pendelte und die meisten meiner wachen Stunden auf der Autobahn oder in den neu gegründeten Unternehmen in Ostdeutschland verbrachte. Leider waren nicht alle Unternehmungen von Erfolg gekrönt, aber doch genügend, um mich schließlich mit dem beruhigenden Gefühl aus Ostdeutschland zurückziehen zu können, wenigstens etwas bewirkt und meine Zeit und Mühen (vom Geld nicht zu reden) nicht vergeudet zu haben. Hier nur je ein positives und ein negatives Ergebnis aus diversen:

Für ein junges Paar mietete ich ein kleines Lager an, das ich mit Kinderkleidung und Spielwaren bestückte (für Kinder wird immer und überall Geld ausgegeben), von dem aus sie praktisch als Großhandel zur Belieferung kleiner Geschäfte tätig werden konnten. Solche Geschäfte klapperte ich zunächst zusammen mit ihnen ab, um die ersten Kunden zu finden, und wies sie in alles ein, was zur Führung eines eigenen Unternehmens gehört, nicht zuletzt das Finden und die Kontaktaufnahme zu interessanten Lieferanten und die Preisverhandlung mit ihnen. Beide waren von Anfang an mit Begeisterung engagiert und haben die Marktwirtschaft glücklicherweise schnell begriffen. Als ich ihnen das Geschäft nach gut zwei Jahren allein überließ, machten sie bereits veritable Umsätze und erwirtschafteten genug Gewinn, um relativ komfortabel davon leben und sich gelegentliche Reisen gönnen zu können. Fünf Jahre später entschlossen sie sich, nach Malta (einem ihrer Reiseziele) umzusiedeln, um dort ein populäres Café zu übernehmen. Ihr Magdeburger Geschäft konnten sie dazu gewinnbringend verkaufen.

Für und mit einer Familie aus Liesfeld, die einen Bauernhof zurückbekommen hatte, gründete ich ein Möbelhandelsgeschäft in einer großen, massiv gebauten Halle, die zu dem Bauernhof gehörte. Ihr Beitrag bestand aus umfassenden Eigenleistungen bei der Herrichtung und Einrichtung der Halle als Möbelgeschäft sowie der Außenanlagen und Zufahrt. Damit fand die die gesamte Familie (Eltern, Sohn mit Ehefrau – dazu gehörten zwei Kinder –, Tochter, Onkel, Tante und Cousin) von Anfang an gut bezahlte Arbeitsplätze, und bereits im ersten Jahr wurde die 1 Mio.-Umsatzmarke überschritten. Leider erwiesen sich die „Senioren“, einzige Mit- Gesellschafter der GmbH, als zum Unternehmertum nicht geschaffen. Sie verstanden nie, wie (damals) 17 % MwSt. auf einen Betrag eine andere Summe ergeben konnte, als 17 in einem Betrag enthaltene Prozent, und sie schämten sich bis zum Schluss über die aus ihrer Sicht zu hohe Marge zwischen Ein- und Verkaufspreis, weil sie allen speziell dazu für sie erstellten Unterlagen, um ihnen aufzuzeigen, welche Kosten alle aus der Marge zu bestreiten waren, nicht begriffen bzw. darauf nicht vertrauten. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein Wessi sich ohne eigenes Gewinnstreben in der Form engagieren konnte und suchten ständig nur nach dem Punkt, an dem sie vermutlich betrogen wurden. Mutter (als Verkäuferin/Chefin im Geschäft) konnte sich außerdem nicht damit abfinden, dass Sonderangebote dazu da waren, Kunden anzulocken. So hielt sie solche Angebote für ihre Freunde „unter der Theke“ und gab sie diesen zu den Einkaufspreisen. Ebenso wenig verstanden sie, dass auch (u. a. durch Fehler bei der Montage) beschädigte Teile bei der Inventur mit aufgeführt werden sollten. Nachdem ich ihnen den Laden nach drei Jahren überlassen hatte, versuchte die Schwiegertochter, die als Einzige inzwischen das Unternehmer-Prinzip verstanden hatte, auf die anderen einzuwirken, um das lukrative Geschäft aufrecht zu erhalten. Man ließ sie jedoch nicht zum Zuge kommen, und da sogar ihr Mann die Sicht seiner Eltern einnahm, zerbrach schließlich sogar ihre Ehe daran, so dass sie eine Stelle bei einem der westdeutschen Lieferanten annahm und mit ihren Kindern in den Westen umsiedelte. Dieses Projekt war damit für mich zu einer nervenaufreibenden bitteren Niederlage geworden.

Danach nun doch noch eine positive Geschichte:
Ein junges Paar hatte durch eine Vertretertätigkeit, die ich ihnen verschafft hatte, Geld gespart, mit dem sie einen LKW kaufen und mit einem Bankkredit ein Transportgeschäft gründen wollten. Dabei waren sie einem westdeutschen sog. Unternehmensberater (Anwalt aus Bayern) auf den Leim gegangen, der ihnen versichert hatte, dass es mit seiner Hilfe kein Problem sein würde, den Bankkredit zu bekommen. Die mit ihm gemeinsam geführten Bankgespräche endeten erfolglos. Stattdessen erhielten sie eine Rechnung von ihm in Höhe von nahezu des Betrags ihrer Ersparnisse. Es kostete mich nur einen bösen Brief an den Anwalt mit Androhung einer Anzeige, um die Stornierung der Rechnung zu erwirken, und nur ein Bankgespräch zusammen mit ihnen, Bürgschaft meinerseits und Vermittlung einer Kooperation mit einem anderen Transportunternehmen, um ihnen den benötigten Kredit zu verschaffen und den Start des eigenen Unternehmens zu erleichtern. Im Verlauf der Zeit verloren wir uns aus den Augen. Rund zehn Jahre später erhielt ich (nachdem sie irgendwie meine neue Adresse herausgefunden hatten) einen Brief von ihnen, in dem sie mir vom Erfolg ihres Unternehmens berichteten (inzwischen hatten sie 10 LKW), sich noch einmal für meine Starthilfe bedankten und mich und meinen Mann zu einem Besuch bei Ihnen einluden. Die Einladung nach Kesseldorf, Sachsen, nahmen wir gerne wahr und lernten dabei den kleinen Jungen von damals als erwachsenen Partner seines Vaters kennen.

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