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Von Stahlhelmen und Kuhfladen

Die Geschichte meiner Familie ist eine Geschichte voller Widersprüche. Angefangen hat mein Interesse für die Vergangheit nach dem Tod meiner Großeltern, die ich als harte, unnachgiebige Menschen in Erinnerung habe und deren Geschichte nach ihrem Tod in der Familie aufgearbeitet wurde, auch weil vieles zu Tage gefördert wurde, was niemand von uns wusste. Dinge, die bewusst verschwiegen wurden, als Teil des Traumas der NS-Zeit und aus Prinzip, um das Gesicht gegenüber der Dorfgemeinschaft zu wahren.

Ich komme, wie der große, väterliche Teil meiner Familie aus einem kleinen Dorf im Erzgebirge, während meine Mutter dem chemnitzer Proletariat angehörte. Ihr Vater war im Uranbergbau in Aue und fuhr regelmäßig in den Schacht, während die väterliche Seite aus Klein- und Großbauern bestand. Entsprechend skandalträchtig war die Hochzeit meiner Eltern in den 70ern, denn auch im Arbeiter- und Bauernstaat war es ein ziemliches Unding Klassen- und Standesübergreifend zu heiraten. Das durfte sich speziell meine Mutter und wir als Kinder noch lange anhören, dass wir doch gar nicht hierher gehörten, denn was einmal im Bauernstand war sollte dort auch bleiben. Zumal meine Großmutter sich aus dem Kleinbauerntum ins Großbauerntum eingeheiratet hatte. Die Verhältnisse hatten also etwas von Dorfadel in den man sich unberechtigter Weise eingeschlichen hatte.

Meine Großväter kamen traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg heim – der eine lief vor der Schlacht von Monte Casino zu den Engländern über, der andere war in Stalingrad und musste sich aus einem Massengrab wieder hervor wühlen, weil man ihn für tot hielt. Der Vater meines Vaters hat nie über Stalingrad gesprochen. Nur einen Satz gab es diesbezüglich immer von ihm: „Politiker, das sind alles Verbrecher. Für’s Kino war ich zu jung, aber zum sterben genau richtig.“
Er war gerade mal sechzehn als er in die Wehrmacht eingezogen wurde , um an der Ostfront zu kämpfen.

Es gab viel worüber nie gesprochen wurde. Etwa darüber, dass meine Großmutter ein Kind nach einer schweren Gehirnhautentzündung an das Euthanasieprogramm verlor, weil es geistig behindert war. Das erfuhren wir z.b. erst mnach ihrem Tod als wir ihre Akten sichteten. Da gab es plötzlich eine Geburtsurkunde zu einem Kind von dem nie jemand etwas gehört hatte. Während mein Großvater erst in einem Alzheimeranfall kurz vor seinem Tod erzählte was in Stalingrad passiert war.

Warum erzähle ich das alles, wenn es hier doch um die Nachwendegeschichten gehen soll? Je länger ich mich mit meiner eigenen Geschichte auseinander setzte desto bewusster wurde mir, dass die Erlebnisse und die damit verbunde Verbitterung und Härte meiner Großeltern auch meine Eltern und schließlich auch uns als deren Kinder stark geprägt haben. Gerade mein Vater hatte die Kälte und Härte seines Vaters 1:1 übernommen, mit der Ausnahme, dass er seine Kinder nicht prügelte, wenn etwas nicht so war wie er wollte. Emotional war er als Geldbeschaffer immer in seiner „gutgemeinten Härte“ gefangen mit der er uns zum Arbeiten schickte. Gerade ich als der „Künstler“ der Familie litt immer sehr darunter. Kam ich doch viel mehr nach meiner Mutter mit ihrem Faible fürs Zeichnen und Geschichten erzählen.

Die Wendezeit habe ich in unserem Dorf als harte Zeit erlebt und gerade die 90er während meiner Schulzeit prägten mich in vielen Dingen. In dieser Zeit wurde die örtliche LPG (Landwirtschaftliche Produktionsbetriebe) zu einer GmbH umgewandelt in der mein Vater leitender Mitarbeiter war. Viele LPGs wurden zu genossenschaftlichen Zusammenschlüssen oder in GmbHs umgewandelt, um bestehen zu können. Die wenigen Kleinbauern, die es da noch gab konnten nicht alleine bestehen, schlossen sich also entweder zusammen oder gingen ganz salopp pleite, während die Treuhand alles verwertete, was nicht niet- und nagelfest war.

In dieser Zeit waren auch die Progrome und die starke Ausprägung der Neonazibewegung, gerade hier auf dem Land. Wer auf dem Dorf aufwuchs oder in den Arbeitervierteln in Chemnitz wie dem Heckert, der hatte fast keine Wahl, wenn er in Ruhe gelassen werden wollte. Während meiner Schulzeit gehörte es dazu mit Bomberjacke rumzurennen, Onkelz oder Landser zu hören und „Sieg Heil!“ über den Flur zu grölen, während die Lehrer alles gekonnt ignorierten, um ja ihre Ruhe zu haben. In dieser Zeit entstand in Chemnitz die „Heckert-SS“ eine Gruppe gewalttätiger Skinheads, die es bis in die New York Times schaffte sowie die „RaNaHo“-Gruppe (Rassisten-Nazis-Hooligans) im Umfeld des Chemnitzer Fußballs, denen unter anderen mein Cousin angehörte und es im Heckert der 90er durchaus als normal galt sich einer radikal rechten Gruppe anzuschließen. Andererseits musste man in der Schule und außerhalb des eigenen Blocks mit Schlägen rechnen. So hatte ich Kumpels die kaum in Ruhe die Straße entlang laufen konnten, weil sie als HipHop-Anhänger zum allgemeinen Feindbild gehörten. Entsprechend war es auch völlig normal Wörter wie „Neger“, „Russe“ oder „Kanacke“ zu verwenden. Da ich schon damals eher nicht das machte, was alle machte war meine Schulzeit gelinde gesagt die Hölle und ich kann gar nicht aufzählen wie oft ich als „Judensau“ tituliert wurde, einfach weil ich kein Fascho war und mit denen nix zutun haben wollte. Hinzu kam, dass ich dann noch Hobbies hatte die allgemein nicht als „mädchenhaft“ galten. Während alle Mädchen in pinken Kleidschen rumrannten und die neuste Boygroup anhimmelten – denn auch im Osten gab es ja mittlerweile die BRAVO – trug ich schwarz, hörte AC/DC und Metallica und malte umgedrehte Kreuze aufs Hausaufgabenheft. In meiner protestantisch-fundamentalistischen Umgebung war das auch ein Aufstand gegen die Gepflogenheiten der Dorfgemeinschaft. Als „Satanist“ war ich also pausenlos dran.

Derweil hatten sich die Rechten in jeder Schicht der Dorfgemeinschaft etabliert. In der Schule, im Jugendclub und im örtlichen Karateclub, wo die Schulschläger lernten noch härter zuzuschlagen und alle neutralen Leute sehr bald aus dem Clubs verdrängt wurden. Auch weil die örtlichen Verantwortlichen weiterhin behaupteten Nazis gäbe es nicht, man sei in der DDR schließlich antifaschistisch erzogen worden. Zustände, die bis heute geblieben sind und Osten einseitig als „No Go Area“ aufzeigten. Und Zustände, die dafür sorgten, dass jeder der das Geld und die Möglichkeit hatte zusah, dass er weg von hier kam. Wer im Westen einen Job bekam ging, nicht nur wegen dem Geld, sondern auch wegen dem, was er hier zurück ließ. Das Ergebnis war, dass nur die bleiben, die keine andere Möglichkeit hatten: die Armen, die Verzweifelten und Hoffnungslosen. Eine explosive Mischung aus Ausländerfeindlichkeit, Verbitterung und Hass auf alles und jeden, der sich hier die Bahn brach.

„Wissen Sie wie es ist damit zu leben?
Die Leute sehen in uns einen Haufen von Glaubensfanatikern und Rassisten.
Hass ist nicht angeboren. Hass erlernt man. In der Schule hieß es, die Bibel verlange die Rassentrennung. Genesis 9, Vers 27.
Im Alter von sieben Jahren glaubt man, was man oft genug hört. Man glaubt an den Hass. Man lebt ihn. Man heiratet ihn.“

(Zitat aus „Mississipi Burning“)

Generationen der Gewalt erzeugen Gegengewalt. Unsere Urgroßeltern erlebten den Horror des ersten Weltkrieges. Deren Kinder den des Zweiten Weltkrieges. Die wiederum erzogen ihre Kinder mit Gewalt auf dass sie Gewalt ausüben. Es ist ein Teufelskreis aus Gewalt und Hass, dessen Spitze die Wende (und die Flüchtlingskrise heute) hervorbrachte, deren Ende noch lange nicht in Sicht ist. Die Kälte und Verbitterung der Wendezeit, die Hoffnungslosigkeit nach dem gescheiterten Versuch auszubrechen.

Die Wende ist ein gesamtdeutscher Konflikt und deren Nachwirkungen sind mitunter bestialisch. (Der NSU etwa bildete sich im Fahrwasser der Nazi-Skinhead-Bewegung der 90er.)

Meine Familiengeschichte ist exemplarisch für so viele Geschichten hier im Umland. Man versucht sich durchzumogeln, zur Not indem man seine Gesinnung dem Stärkeren anpasst, man will schließlich seine Ruhe haben. Ich konnte das nie.

2 Kommentare

  1. Stefan sagt:

    Wer sich nach der Wende Illusionen machte, das es von da an nur bergauf geht, dem habe ich direkt ins Gesicht gesagt, dass es erst mal bergab gehen wird. Natürlich wurde ich als Spinner abgetan. Komischerweise hatte sich mein Gefühl als richtig erwiesen. Alles braucht seine Zeit um zu wachsen. Und auch die “Ossis” wurden reihenweise über den Tisch gezogen. Woher sollten sie auch die Erfahrung haben? Sie werden mit der Zeit lernen…

  2. Ernst sagt:

    Ich kann leider nichts dazu beitragen, da ich ein Wessi bin, aber ich würde gerne mehr hören. Erzählt bitte alle Eure Geschichten, ich werde jede Einzelne lesen.
    Mein Vater war kam 1944 aus russischer Kriegsgefangenschaft. Mit 48 kg. Unfassbar, aber wir wussten fast nichts über ihn, und das finde ich heute, nachdem er tot ist, unfassbar traurig. Also erzählt bitte was Ihr wollt.

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