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Sagt Nein

Neulich spricht mich jemand an, ob ich mir vorstellen könne, für eine politische Zeitschrift über eine Aktion, die 1995 in Dessau und Umgebung einigen Staub aufwirbelte, einen Text zu schreiben. Klar, ich hab das ja damals nicht nur für den bestimmten Tag gemacht. Ist ja ein wesentlicher Teil meiner ganzen persönlichen Politgeschichte. Man hängt nicht einfach mal so als Stadtrat eines Kommunalparlaments während einer Ausschusssitzung ein Transparent aus dem Rathaus, während unten, auf dem Marktplatz, dreihundert Rekruten ihr Gelöbnis ablegen sollen. Das hat eine Vorgeschichte. Und sie jetzt erzählen zu dürfen, gibt mir die wunderbare Gelegenheit, sie würdig nachklingen zu lassen.

Ich finde es komisch. Beim Erinnern an die folgenden Episoden komme ich mir manchmal vor wie die Typen, die voller Begeisterung von ihrer schlimmen Zeit bei „der Fahne“ (Ost) oder „beim Bund“ (West) schwärmen. Grauenhaft, wenn zwei oder drei zusammen kommen, die in der gleichen Einheit gedient haben. Das ist endloses Gelächter über Situationen des Entrechtetseins, des Knechtens anderer, über kindische Streiche an Vorgesetzten, über Vorfälle, die man gerade noch so überlebt hat, und immer wieder übers Saufen.
Na ja, da kann ich nicht richtig mithalten, ich hab mich dem Ganzen ja entzogen. Wollte keinen „Dienst mit der Waffe“ leisten. Habe deutlich „nein“ gesagt. Da war ich gerade achtzehn. Im April 1983 war das, glaube ich.

Ich kam etwa eine Stunde zu spät zu meinem Musterungstermin. Ging den Tag so ruhig wie möglich an. Wahrscheinlich mit einer ganzen Kanne Tee, perfekt zubereitet. Mit Musik, wie ich sie damals mochte. Und mit einem besonderen Pullover. Den hatte mir die Liebste am Abend zuvor gegeben. Damit ich mich, wenn es schlimm wird, hineinkuscheln kann. Oh, wie wertvoll dieser Pullover mir wurde!
Für mein Zuspätkommen gab es natürlich gleich einen Denkzettel: „Wir nehmen Sie dran, wenn mal eine Lücke ist! Ziehen Sie sich schon mal aus!“ Halb nackt auf einem kalten Stuhl sitzen und warten. Um mich herum lauter junge Kerle, die laut fachsimpeln, was ihnen die Musterung bescheren würde. Manche nannten ihre Wunschwaffengattung, andere ließen durchblicken, dass sie die achtzehn Monate möglichst schnell hinter sich bringen wollten. Um danach zu studieren, mit dem Sport weiter zu machen oder andere Lebenspläne zu verfolgen.
Ich befürchtete einfach, dass man mich bis kurz vor Vollendung meines 27. Lebensjahres zappeln lassen würde, um mich dann, wenn vielleicht schon Ehe und Kinder und solche Sachen ins Leben getreten wären, zum Dienst als „Spatensoldaten“ zu ziehen.
Es dauerte ewig, bis ich aufgerufen wurde. Zuerst die Formalitäten. Keine problematischen Fragen. Vielleicht schon mal eine kritische Bemerkung über meine langen Haare. Aber das machte mir kaum etwas aus. Das war ich gewohnt. Dann zur ärztlichen Untersuchung. „Senk-, Spreiz-, Plattfüße!“ wurden mir neben einem ansonsten allgemein erfreulichen Gesundheitszustand attestiert. Also wahrscheinlich Infanterie, meinte der Arzt. Ich hab dann vielleicht unsicher grinsend entgegnet, dass ich Bausoldat machen würde. Erstauntes Aufschauen. „Haben Sie sich das gut überlegt?“ Ja, so was überlegt man sich wohl gut. Als ich fertig bin, wünscht mir der Arzt für meinen Weg alles Gute. Es klingt warm. Überzeugend. Gibt mir Kraft.
Endlich darf ich meine Klamotten wieder anziehen. Nehme einen tiefen Zug Pulloverduft, bevor es weiter geht.
Was die folgende, eigentlich abschließende Station werden sollte, weiß ich nicht mehr. Irgend so ein mündlicher Bescheid, dass man nun gemustert ist und sich von nun an als wehrfähiger Kerl zu verstehen habe, dem die große Verantwortung obliegt, den Sozialismus, dessen Errungenschaften und natürlich auch alle seine lieben Mitmenschen verteidigen zu dürfen. Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, wurde ich sogar gefragt, in welcher Waffengattung ich gern meinen Ehrendienst ableisten, und ob ich mich nicht, als Kind zweier (SED-)Genossen, gleich zu drei Jahren verpflichten wolle. Diese Frage (wenn es eine war) wurde mir etwa zur Mittagszeit gestellt. Entlassen wurde ich schließlich, als diese ganze Musterungsbehörde Feierabend machte. In den Stunden dazwischen versuchten sie es mit den unterschiedlichsten Mitteln, mich weich zu kochen. Argumentation, Drohungen, warten lassen. Plötzlich taucht mein Vater auf. Wird mit mir und einem offenkundigen Stasimenschen in einen Raum gesteckt, wo wir uns „mal unter vier Augen unterhalten“ sollten. Wir schweigen uns lange an. Sehr lange. Bis der Stasimann versucht, zwischen uns zu vermitteln. Es kommt nichts dabei heraus. Schließlich empfiehlt er uns, wir sollen uns schriftlich voneinander lossagen. Praktisch erklären, dass es keine Bande mehr zwischen uns gibt. So könne mein Vater, den ich mit meinem Verhalten in eine sehr prekäre Lage gebracht hätte, vielleicht wenigstens seine Arbeit als Polizist behalten. Ein Parteiverfahren würde er sicher bekommen, da er ja seine Kinder offenbar nicht im sozialistischen Sinne erziehen konnte.
Im Laufe der noch folgenden stundenlangen Überredungsversuche brüllt mich der ranghöchste anwesende NVA-Offizier plötzlich an: „Wissen Sie, was Sie für mich sind? Ein Faschist, jawoll! Vielleicht ein friedlicher, aber ein Faschist!“
Wir schreiben dann das Pamphlet. Erklären, dass wir uns voneinander lossagen. Es nutzt meinem Vater nichts. Er bekommt eine Parteirüge, verliert seinen Job, hält sich sechs Jahre lang schweigend an die Trennungserklärung.
Als ich am Abend aus der Musterungsbaracke entlassen werde, empfinde ich es als Sieg und Niederlage gleichzeitig. Ich bin nicht eingeknickt. Mein Vater, dessen Lebenseinstellungen ich zwar nicht teile, dem ich aber andererseits das nicht antun wollte, erstarrt in den folgenden Jahren in einer absurden Pose. Eigentlich gebrochen durch dieses inhumane System tut er so, als wäre ich schuldig an seinem Unglück. Beruflich macht er das Gleiche wie vorher – er beschützt einen VEB. Vorher als Volkspolizist, nun als Wachmann des Betriebs. Dass er jetzt keine Pistole und keine Polizeiuniform mehr trägt, bringt ihm einen Reallohnverlust von fast 50 % und den Verlust einiger vermeintlicher Privilegien ein.

Mit neunzehn bekomme ich die erste eigene Wohnung. Ein Parterreloch mit feuchten Wänden. Die Kneipenbesucher von nebenan pissen fast jeden Abend in den Hausflur. Aber ich bin „frei“, kann unkommentiert mit meinen langen Haaren zur Jungen Gemeinde gehen, geflickte Jeans tragen, wilde Musik hören. Tschüss, Vater!
Auch Vater Staat lässt mich in Ruhe.

1989 bin ich erst 24 Jahre alt. Den grauen Rock musste ich nicht tragen. Bei einem antimilitaristischen Kunst-Happening in Berlin lasse ich meinen Wehrdienstausweis in einen Kunststoffblock gießen. Da gab es die DDR formell noch. Mit all ihren Gesetzen. Was wir taten, war durchaus strafrechtlich noch relevant.

In den Wendejahren frage ich mich immer wieder, wer ich bin. Gesellschaftlich. Philosophisch.
Ich bedaure das Verschwinden der DDR. Hätte mir eine bessere DDR – den bürgerlichen oder besser: demokratischen Freiheiten verpflichtet, aber mit den sozialen Errungenschaften ausgestattet, gewünscht. Oder wenigstens einen Zusammenschluss zweier gleichberechtigter Partner-Staaten. Nicht diesen bedingungslosen Beitritt, der dem Osten seine eben errungene Würde gleich wieder entriss.
Aber in vielen Leuten blieb ja auch was übrig. Etwas, das vorher schon da war. Mut und Kreativität zum Anderssein zu haben und andere Meinungen gegen die Übermacht des Systems, das immer möglichst konforme Individuen erwartet, zu vertreten.
So nahm man wohl an, dass die Dessauer Bevölkerung geschlossen glücklich darüber sein würde, dass nach Jahren des sozialistischen Täterätätä endlich das Umtata der bürgerlich freiheitlichen Grundordnung aufmarschieren könne. Es kam 1994 zum ersten öffentlichen feierlichen Gelöbnis von Bundeswehrrekruten in meiner Heimatstadt. Ort: Das Georgium – ein schöner Landschaftspark mit Schloss. Vor selbigem die saubere Szenerie. Schnurgerade blitzende Stiefelspitzen, kecke rote Barette, schneidige Marschmusik. Plötzlich eine Änderung im Protokoll. Eine Gruppe unschwer als linke Störer zu erkennende Jugendliche betreten den Platz, rufen laute Bemerkungen, aus dem Dickicht schreitet mit erhobenem Säbel eine seltsame Gestalt, marschiert zackig quer über die Appellfläche zum Mikrofon und richtet sich mit ziemlichem Nonsens an die Versammelten. Man wolle jetzt ein Lied zusammen singen: Im Frühtau zu Berge. Manchem Anwesenden stehen jetzt die Haare zu Berge. Wie ging das Lied doch gleich?, fragen sich einige. Schnell sind die Störer eingesammelt, auch der seltsame Redner, der nun einen Lachanfall bekommt, wird von der Polizei abgeführt. Die Lokalpresse berichtet wohlwollend. Ein voller Erfolg.

Neuer Versuch: Das benachbarte Roßlau hat einen schönen Platz mitten in der Stadt. Dort kann man doch auch einmal öffentlich und feierlich Rekruten geloben lassen. Und gegen die Dessauer Störer machen wir einfach die Stadt dicht, dass sie gar nicht erst reinkommen. Na ja, beim Erklingen der Nationalhymne fast aller Deutschen knattert es auf einmal an einem Ende des Platzes laut, als würde geschossen. Die Hälse recken sich in diese Richtung. Aus der anderen Richtung kommt eine Polonaise lustiger junger Leute auf den Platz getanzt. Wieder gibt es Arbeit für Feldjäger und Polizei. Ein als Hase verkleideter Störer spielt Hasche mit den Feldjägern, lässt sich dann fangen, weil die Presseleute sicher ihre Fotos drin haben. Andere junge Leute, die mit den erstgenannten organisatorisch nichts zu tun hatten, durchbrechen die Absperrungen, um den städtischen Platz zurückzuerobern. Wieder andere bleiben am Rand, trillern aber, rufen, lachen laut. Die ganze schöne Geloberei gerät ins Wanken.

Ein letzter Versuch der Bundeswehr, im öffentlichen Raum des Dessau-Roßlauer Stadtgebiets Bürgernähe zu beweisen: Herbst 1996. Der Marktplatz vorm Dessauer Rathaus wird schon Stunden vor Beginn des Gelöbnisses dicht gemacht. Genau, wie es einen Tag zuvor in der Zeitung stand. Jedem, der auch nur annähernd wie ein potentieller Störer aussieht, wird ab 16 Uhr der Zutritt auf den Markt verwehrt. Trotzdem füllt sich das Areal mehr als erwartet. Die Veranstalter freuen sich über den großen Zuspruch aus der Bevölkerung. Noch. Als die Veranstaltung beginnt, erhebt sich ein Ohren betörender Lärm, den etwa zweihundert Leute, verteilt an mehreren Ecken des Platzes, veranstalten. Trillerpfeifen, Holzratschen, Sprechchöre. Dazu Transparente. Tucholsky steht einfach auf einem. Ich selbst kann das alles nicht sehen, sondern nur hören. Denn ich sitze im Rathaus, in einer Sitzung des Rechtsausschusses. Irgendwann bekomme ich Angst, dass ich das Transparent umsonst unterm Pullover versteckt gehalten haben könnte, wenn ich mir nicht endlich einen Ruck gebe. Ich gehe also ans Fenster, öffne es und hänge, für die verwunderten Blicke im Rücken nicht zu erkennen, mein Transpi raus: sagt nein
Ein irres Gefühl erfüllt mich. Ich rekapituliere: Beim ersten mal eine Handvoll „Störer“. Beim zweiten mal schon etwa dreißig Leute, die unabgesprochen ihren Unmut äußern. Jetzt, beim dritten mal, so viele, dass das Gelöbnis durchgängig mit Krach belegt wird.
Ich setze mich wieder. Ein Mann, der mal kurz aus dem Fenster geschaut hat und jetzt wieder bei seiner Pflicht ist, über wichtige Dinge zu debattieren. Mein Gefühl in diesen Minuten kann ich nicht beschreiben. Ich brenne innerlich. Draußen, auf dem Flur höre ich laut Türen krachen. Da wird die Tür zum Beratungsraum aufgerissen. Zwei, drei Feldjäger mit irrem Blick rammeln wortlos in den Raum, stürmen an die Fenster, finden mein Transparent, reißen es ab, knautschen es zusammen, verlassen ebenso unflätig den Raum – ich ernte ein paar angewiderte Blicke meiner Stadtratskollegen. Der Bürgermeister sagt gefasst so etwas wie: „Herr Wendel, das hat ein Nachspiel!“ Aber deswegen tue ich das alles ja, wegen dem Nachspiel. Ich will, dass man sich mit den lustigen ernsthaften Aktionen beschäftigt. Ich will, dass wir unsere antimilitaristische Haltung öffentlich machen können. Je mehr wir thematisiert werden, desto mehr gewinnen wir. Danke!

Jetzt, einige Jahre später, denke ich weniger eingleisig über das Dasein des Militärs. Setze es nicht mehr zwanghaft mit Militarismus gleich. Versuche, den Zweck und eventuellen Wert einer teuren, riesigen, letztendlich doch Tötungsmaschinerie bleibenden Institution zu verstehen. Bleibe kritisch. Habe Zweifel an meiner Totalablehnung. Was passiert, wenn es kracht, ohne dass man dafür ursächlich etwas getan hat. Die Situation, angegriffen zu werden. Zu sehen, dass andere angegriffen werden. Sind Fragen nach den Gründen für Aggression erlaubt, um weitere erforderliche Schlüsse daraus zu ziehen? Na klar, fraglos. Sofort drehe ich mich in den alten grundsätzlichen Fragen, wie man sich wann menschlich reif verhalten darf oder muss. Vielleicht habe ich mich gegen alles Militärische gesperrt, weil diese Fragen und Gedanken schnell ratlos und verwirrt machen.
Als ich noch eine große innere Nähe zu der Partei der GRÜNEN hatte, gefiel mir ihre Projektidee, der ganzen Kriegsmaschinerie unseres Landes, der NATO und der übrigen Welt andere Modelle der Konfliktlösung entgegen zu stellen. Konfliktforschung, Friedensforschung, reden statt schlagen, verhandeln statt schießen. Dazu habe ich immer JA! gesagt. Mache ich innerlich heute noch. Aber was ist aus den Ideen geworden? Wo sind die staatlich geförderten Friedensinstitute? Werden inzwischen Rüstungsausgaben gekürzt und in vergleichbarer Höhe in Frieden stiftende Projekte gesteckt?
Auch ein Grund, dass ich jetzt hier bin. In dieser Bewegung.
In dieser Demokratie in Bewegung. Angefüllt mit neuer Hoffnung.

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